Besser fertig als perfekt

Als ambitionierte Miniaturenbemaler betrachten wir oftmals staunend die Werke anderer – egal ob auf einschlägigen Internetseiten, in Zeitschriften oder im lokalen Hobbyclub – und fragen uns, ob wir so etwas jemals erreichen können.

Diejenigen unter uns, die eine echte Leidenschaft für das Miniaturenbemalen entwickeln, geben an jedem neuen Modell ihr Bestes, denn sie wissen ja: „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen!“ Ich selbst denke immer dann an diese Redensart, wenn ich unzufrieden damit bin, dass ich etwas nach mehr oder weniger kurzer Zeit noch nicht richtig beherrsche. Mit den Bildern von Ergebnissen der Profimaler im Hinterkopf habe ich in der Vergangenheit oft Miniaturen wieder und wieder überarbeitet – manchmal war das nächste Ergebnis dann etwas besser, manchmal aber auch nicht.

Figuren, die ich mehrfach überarbeitet und ausgebessert habe, verbrachten in der Regel viele Monate auf meinem Arbeitsplatz. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich dort monatelang an ihnen gearbeitet hätte. Nein, vielmehr hatte ich nach jeder Überarbeitung etwas weniger Lust, mich weiter mit der Miniatur zu beschäftigen und habe stattdessen andere Modell bemalt. Ich besitze auch jetzt noch eine ganze Reihe an halb fertigen Modellen, an denen ich schon seit Jahren nicht mehr gearbeitet habe. Mein Streben nach Perfektion führte letztendlich dazu, dass die Modelle niemals fertig bemalt wurden und nun in meiner „Box der Schande“ 😉 sitzen. Genauso motivierend wie es ist, eine Miniatur oder eine Einheit von Miniaturen fertig bemalt zu haben, genauso entmutigend ist es auch, auf seinem Arbeitsplatz von einer Horde traurig dreinblickender, halb bemalter Figuren angestarrt zu werden.

In seinem YouTube Video „Finished Not Perfect“ greift der Illustrator Jake Parker dieses Problem auf. Zwar bezieht er sich dabei eher auf das Zeichnen, doch lässt sich der Grundgedanke 1:1 auch auf unser Hobby übertragen: Es ist viel wichtiger, in der Lage zu sein, ein Projekt abzuschließen, als bei jedem neuen Projekt absolute Perfektion erlangen zu wollen.

Parker betont dabei, dass man durch jedes Projekt seine Fähigkeiten etwas erweitert. Und nur dann, wenn man an einem Projekt arbeitet, kann man auch etwas lernen. Für die oben von mir beschriebene Situation bedeutet dies: Weil ich keine Lust mehr habe, bestimmte Miniaturen ein X-tes Mal zu überarbeiten, bemale ich sie nicht weiter und kann somit auch nicht besser werden.

Die Frage ist auch, was wir eigentlich meinen, wenn wir „perfekt“ sagen. Eine Miniatur, auf die wir zu einem bestimmten Zeitpunkt zu recht sehr stolz sind, wird uns vielleicht in ein paar Jahren schon nicht mehr gefallen – und zwar gerade, WEIL wir in der Zwischenzeit etwas dazugelernt und uns verbessert haben. Was bringt es also, Perfektion mit der Brechstange erreichen zu wollen?

Diese Überlegung bedeutet natürlich nicht, dass man auf Miniaturen keine Fehler ausbessern sollte – nein, das ist ja sozusagen unser täglich Brot und gehört ganz natürlich zum Bemalprozess dazu. Nur sollte man sich eben nicht in einem Teufelskreis der Korrektur und Überkorrektur fangen lassen.

Auch bedeuten Parkers Überlegungen nicht, dass wir uns niemals aus unserer Komfortzone herauswagen sollten. Jemand, der seine Fähigkeiten verbessern möchte, sollte immer wieder Neues ausprobieren. Ja, der erste Versuch wird vermutlich nicht „perfekt“ geraten, doch schon beim zweiten Versuch probiert man ja streng genommen schon nichts ganz Neues mehr aus und mit jedem weiteren Mal wird die neue Technik immer weiter in Richtung unserer Komfortzone gerückt.

Hier geht es zu Jake Parkers YouTube Video.

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